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„Schlafen können sie, wenn sie zu Hause sind“
Als Jugendbotschafter in Südkorea Alexander Hiller, Leopoldinum Gymnasium, Detmold
Zum zweiten Mal ermöglichte der Asia-Circle in diesem Jahr engagierten und interessierten Jugendlichen einen einwöchigen Aufenthalt in Südkorea. Nach einem schriftlichen und mündlichen Auswahlverfahren wurde ich als einer von fünf Jugendlichentals Jugendbotschafter ausgewählt. Besonderer Dank gebührt Frau Mi-Kyoung Wöhler, Vorsitzende des Aisa-Circles, die die gesamte Planung des Aufenthalts, insbesondere der Treffen mit vielen hochkarätigen Persönlichkeiten, übernommen hatte und uns während der Reise unsere ständige Begleiterin war, sowie meiner Gastfamilie, Familie MacDonald, in deren Haus ich gerne noch länger Gast geblieben wäre. Bereits am 7. Juli fand im Stuttgarter Rathaus die Urkundenübergabe durch Herrn Bürgermeister Murawski in Anwesenheit der Presse statt. Hier hatten wir Jugendbotschafter auch schon Zeit, uns bei einer kleinen Stadtführung ein wenig kennen zu lernen. Obwohl es bis zum Abflug noch knapp zwei Monate waren, schien der Reisetermin noch in ferner Zukunft, und selbst am Tag vor dem Abflug schien mir die Vorstellung, dass ich am nächsten Tag in einem völlig fremden Land sein könnte, irreal.
„Als ich damals in Deutschland war, habe ich gesagt, dass Korea eher wiedervereinigt würde als Deutschland“ Generalmajor Ha
Unmittelbar nach unserer Ankunft in Incheon fuhren wir in die Nähe zur Demilitarisierten Zone, die infolge des Waffenstillstandsabkommens 1953 eingerichtet wurde. Dort trafen wir auf Oberst Albert Ulrich, einen der fünf Schweizer Offiziere der Schweizer Delegation der Neutral Nations Supervisory Commission (NNSC), die dort gemeinsam mit einer schwedischen Delegation (bis zum Zusammenbruch des Ostblocks auch mit einer von Nordkorea nominierten Delegation polnischer und tschechischer Soldaten) die Einhaltung des Waffenstillstands überwacht und als Vermittler zwischen den beiden Koreas fungiert. Nach diesem Treffen besichtigten wir den dritten Infiltrationtunnel, der als einer von vieren von Nordkorea gebaut wurde, um unbemerkt Soldaten und Ausrüstung für einen Angriff nach Südkorea zu bringen. Als der dritte Inflitrationstunnel 1974 entdeckt wurde, lag das südliche Ende 52 km von Seoul entfernt Präventive Maßnahmen hinsichtlich eines möglichen erneuten Konflikts gehören laut Generalmajor Ha Jung-Yul, dem Stellvertretenden Kommandeur der Dritten Armee, auch heute neben dem zivilen und dem internationalen Engagement zu den wichtigsten Aufgabenbereichen des südkoreanischen Militärs. Deswegen gilt für alle erwachsene Männer eine Wehrpflicht von 18 Monaten. Die Teilungsgeschichte ist ein wichtiger verbindender Faktor zwischen Deutschland und Südkorea. Deshalb arbeiten Koreaner und Deutsche auf vielen verschiedenen Ebenen Zusammen. So werden zum Beispiel koreanische Soldaten auch in Deutschland ausgebildet, Generalmajor Ha war selbst zwei Mal in Deutschland und spricht fließend Deutsch. Von seinen Erlebnissen berichtet er: „Als ich das letzte Mal in Deutschland war, damals noch als Oberst, habe ich immer gesagt, dass Korea eher wiedervereinigt würde als Deutschland“. Doch heute scheint dieses Ziel noch entfernt. Deswegen setzt sich die Konrad-Adenauer-Stiftung in Südkorea besonders dafür ein, deutsche Wiedervereinigungserfahrungen weiterzugeben und nordkoreanische Flüchtlinge, die meist über ein Drittland wie China nach Südkorea kommen, in die freiheitliche Gesellschaft und das demokratische Staatssystem zu integrieren, wie wir vom Geschäftsführer der Stiftung in Korea, Herrn Ziemek, erfuhren. Doktor Norbert Baas, Botschafter der Bundesrepublik in Korea Botschaft, erklärte uns die Wechselwirkungen zwischen den interkoreanischen und internationalen Beziehungen insbesondere angesichts der nordkoreanischen und iranischen Atomprogramme.
„Die Wirtschaft ist noch sehr polarisiert“ Friedrich Stockinger, Präsident von Trumpf Korea
Mit ihm diskutierten wir auch die Chancen und Probleme der koreanischen Wirtschaft.Wie wir bei einem Besuch an einer Highschool erfuhren, müssen Koreaner bereits in der Schule sehr lange und hart arbeiten, was mitunter an der konfuzianischen Tradition liegt. Dementsprechend arbeiten sehr viele Koreaner entweder in einem der wenigen großen koreanischen Konzerne (wie Samsung, Hyundai, Kia Motors oder Daewoo) oder in einem von Tausenden kleinen Geschäften und Handweksbetrieben, wie uns Friedrich Stockinger, Geschäftsführer der Maschinenbaufirma Trumpf in Korea, erläuterte. Nachteil dieser polarisierten Wirtschaft ist der fehlende Mittelstand, der in anderen Ländern wichtiger Kunde internationaler Unternehmen ist. Des Weiteren bemüht man sich in Korea laut Botschafter Dr. Baas noch um das, was er „vernetzte Kreativität“ nennt, das bedeutet, dass viele Firmen dazu tendieren, selbst in Forschung zu investieren, anstatt die Erfahrung und Expertise zu nutzen, die andere Firmen bereits haben – was nicht bedeutet, dass Korea kein Land der Innovation wäre, im Gegenteil. Der technische Standard in Korea vor allem im Hi-Tech-Bereich ist kaum mit dem deutschen zu vergleichen; besonders ist mir jedoch ein automatischer Tafelschwamm im Gedächtnis geblieben. Wie wir von Stockinger erfuhren, liegt der großteil der Schwerindustrie im südlichen Teil des Landes, vor allem in Busan, da sie im Koreakrieg von großer Bedeutung war und deshalb in sicherer Entfernung von der Grenze aufgebaut wurde. Aus diesem Grund fuhren wir zur Besichtigung des Bosch-Werkes aus Seoul heraus bis nach Daejeon, wo Bosch verschiedene Teile für die Automobilindustrie herstellt (über zwei Drittel der Produktion gehen an Hyundai). Dort machten wir uns bei einer Werksführung ein Bild von den verschiedenen Produktionsschritten und der Arbeit der Logistik- und Controllingabteilung, die mich besonders interessiert hat. Hier werden immer wieder einzelne Arbeitsschritte überdacht und optimiert, wobei besonders Wert darauf gelegt wird konstruktiv zu kritisieren, das heißt, nicht zu sagen, was nicht richtig läuft, sondern, was wie warum besser laufen könnte, um gleichzeitig zu motivieren. Der Besuch des Boschwerkes war für uns eine große Ehre, die normalerweisen nur hohen Delegierten der Wirtschaft und Politik zugestanden wird, weshalb ich mich hier gerne für den Einsatz des Vizepräsident von Bosch in Korea, Herrn Dr. Knut Kille, bedanken möchte.
„Die deutsche Kultur ist eine Kultur von ganz Europa” Koreanischer Student
Bei einem Besuch des Goethe-Instituts in Seoul trafen wir nicht nur dessen Leiter, Jürgen Keil, sondern hatten auch die Gelegenheit, mit den Teilnehmern eines Deutschkurses über ihre Sicht von Deutschland zu sprechen. Die Kursteilnehmer betonten die Gemeinsamkeiten von Deutschen und Koreanern und zeigten sich besonders interessiert an der deutschen Kultur. Alle von ihnen sind schon einmal in Deutschland gewesen oder wollen noch hierher kommen. Als wir die Han Yong Foreign Language High School in Seoul besuchten, wurden wir in der Deutsch-Klasse mit stürmischem Applaus empfangen. Nach einer kleinen Vorstellungsrunde standen wir den Schülern für Fragen zur Verfügung. Die Schüler waren überrascht, wie wenig Unterricht wir in Deutschland haben, denn in Korea dauert der Unterricht an sechs Tagen in der Woche bis spät am Abend, danach haben die meisten Schüler noch Nachhilfe- oder Instrumentalunterricht. Ganz anders war unser Eindruck an der Deutschen Schule Seoul International (DSSI), die gerade einmal 115 Schüler hat, hinzu kommt ein Kindergarten mit rund 40 Kindern. Zunächst besuchten wir eine Stunde lang den Unterricht einer zehnten Klasse, ich saß in einem Deutschkurs mit gerade einmal sechs Schülern und einer Schülerin. Der Schulstoff war ähnlich wie der mir bekannte, da an allen deutschen Schulen im Ausland nach Thüringer Lehrplänen unterrichtet wird. Doch das war nicht das einzige, was mir von meiner Schule vertraut vorkam: Wenn an der Schule ab 2011 der erste Jahrgang Abitur macht (bisher wird nur bis zur zehnten Klasse unterrichtet, danach wechseln die meisten Schüler auf eine andere Internationale Schule), werden sie 12 Jahre lang die Schulbank gedrückt haben. Auch an der DSSI bedeutet der Wegfall eines Schuljahres eine erhebliche Mehrbelastung für Lehrer und Schüler. Frau Monika Schmidt, seit diesem Schuljahr Direktorin der DSSI gab uns den wahrscheinlich wichtigsten Rat auf unserer Reise: „Schlafen können sie, wenn sie zu Hause sind”.
„Wer eine Meile reist, lernt mehr, als in zehn Büchern steht” Koreanische Weisheit
Diesen Rat haben wir vom ersten Tag an befolgt, denn unser Programm auf dieser Reise war prall gefüllt, was uns jedoch nicht weiter störte, denn Korea hat viel zu bieten, und eine Woche ist im Vergleich dazu nicht allzu viel Zeit. Für mich persönlich war es eine großartige Erfahrung, dieses Land so intensiv kennen lernen zu dürfen. Besonders spannend war für mich die einmalige Gelegenheit, so viele hochkarätige Personen aus Politik und Wirtschaft kennen zu lernen, auch deswegen, weil ich selbst gerne einmal in einem dieser Bereiche tätig sein möchte. Fasziniert wurde ich aber auch sowohl von der koreanischen Kultur und dem koreanischen Alltagsleben in all ihren Facetten als auch von den Koreanern selbst, die sich mir als ein freundliches und weltoffenes Volk darstellten. Eine koreanische Weisheit besagt: „Wer eine Meile reist, lernt mehr, als in zehn Büchern steht”. Deutschland und Korea sind 5000 Meilen voneinander entfernt. Zumindest auf der Karte.
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