
Der große Traum hinter dem Lächeln
Profile: Maximilian Lehner wird als Jugendbotschafter zum Bewunderer des temporeichen Südkorea
Seit 2007 schickt der in Stuttgart gegründete Asia Circle jedes Jahr fünf Jugendliche aus Deutschland nach Südkorea. Sie sollen dort ihre eigene Kultur repräsentieren und gleichzeitig die des Gastgeberlandes besser verstehen lernen. Maximilian Lehner hat als Jugendbotschafter das asiatische Land bereist.
 Von Jürgen Bock
STUTTGART. Dalli, dalli, heißt es in Deutschland, wenn es schnell gehen muss. In Südkorea gibt es einen verblüffend ähnlichen Begriff. Balli balli lautet dort der Ausruf, der zum Motto eines ganzen Landes geworden ist. „Das gilt bei der Suppe wie bei der Wirtschaftsentwicklung“, sagt Maximilian Lehner und lächelt. „Dort geht alles zack, zack, alles wird sofort erledigt. Autobahnen werden nachts aufgerissen, und am nächsten Morgen ist die Baustelle weg.“
Noch immer gerät der 17-Jährige ins Schwärmen, wenn er über die Unterschiede zwischen Deutschland und Südostasien spricht. „Irre“ ist das Lieblingswort Lehners, wenn er von Südkorea erzählt und zahlreiche Fotos zeigt, die er gemacht hat. Vor gut einem Jahr war der Gymnasiast der Merz-Schule zum ersten Mal dort – als Jugendbotschafter. Seit 2007 schickt der in Stuttgart gegründete Asia Circle, eine Organisation, die sich dem interkulturellen Austausch verschrieben hat, jedes Jahr fünf Jugendliche aus Deutschland nach Südkorea. Sie sollen dort ihre eigene Kultur repräsentieren und gleichzeitig die des Gastgeberlandes besser verstehen lernen.
„Urlaub sind die zehn Tage nicht gewesen“, sagt Lehner und lacht. Eine frühere Teilnehmerin hatte eine Präsentation an seiner Schule gehalten und seine Neugier geweckt. Nach einer ausführlichen Bewerbung wurde er für die Reise ausgewählt. In Südkorea stand „ein irres Programm“ auf der Tagesordnung. Parlament, deutsche und einheimische Firmen, Treffen mitWirtschaftsvertretern und Schülern – langweilig wurde es Lehner und seinen Mitreisenden nicht.
Gleich nach der Ankunft ging es in die entmilitarisierte Zone an der Grenze zu Nordkorea. Der Besuch dort hat den 17-Jährigen nachdenklich gemacht. „Die Südkoreaner sehnen sich nach der Wiedervereinigung“, erzählt er. An der Grenze gebe es einen Bahnhof, der nur auf die Inbetriebnahme warte. Wann die sein könnte, steht nach den jüngsten Spannungen mehr denn je in den Sternen. Doch ihre Gefühle, weiß Lehner, verstecken die Südostasiaten gerne. „Sie lächeln immer und sind sehr höflich“, sagt er, „man weiß aber nie so genau, was sie gerade wirklich denken.“
Über Deutschland jedenfalls denken sie gut. Nicht nur, weil die beiden Länder in ihrer Geschichte eine Teilung gemeinsam haben. „Bei südkoreanischen Männern ist Deutschland das beliebteste Land“, sagt Lehner. Es gebe enge Beziehungen gerade auf wirtschaftlicher Ebene. Nach dem Koreakrieg sei die Bundesrepublik der erste Geldgeber für das Land gewesen.
Doch die Gemeinsamkeiten enden schnell. Besonders das Tempo und der Veränderungswille Südkoreas beeindrucken Lehner. Balli balli. „Die Konkurrenz schläft nicht“, sagt er, „wir werden in Zukunft Probleme haben mitzuhalten. Dort sieht man den Fortschritt jeden Tag. Es wird sehr wichtig sein zusammenzuarbeiten.“ Lehner erzählt von Schülern, die acht Stunden am Tag lernen, anschließend Nachhilfe haben, dann Musikunterricht und schließlich Hausaufgaben machen – ein Arbeitstag bis 22 Uhr. „Es hat uns umgehauen, wie zielstrebig die sind“, sagt der 17-Jährige, „das ist irre.“ Auch die Lebensplanung dort sehe völlig anders aus als bei uns: „Der Traum eines Koreaners ist kein idyllischer Garten, sondern in einem Hochhaus ganz oben zu wohnen.“ Wer das erreicht, hat es geschafft.
Lehner hat seine Rolle als Jugendbotschafter verinnerlicht. Das „begeisternde Land“ hat es ihm so sehr angetan, dass er seine Liebe zu Asien entdeckt hat. Im vergangenen Sommer ist er nach Südkorea zurückgekehrt. Diesmal ist der Stuttgarter Schüler länger geblieben. Knapp sechs Wochen hat er ein Praktikum bei Daimler in der Hauptstadt Seoul gemacht.
Die letzte Reise dorthin soll es nicht gewesen sein. „Die Erlebnisse werden mich mein Leben lang begleiten“, sagt der Gymnasiast. Jura oder Wirtschaft will er studieren, möglichst auch einmal länger im Ausland leben und die Erfahrungen mit zurück nach Deutschland bringen. „Vielleicht können wir uns auch an anderen Ländern ein Beispiel nehmen, das Zusammenleben verbessern und hier etwas verändern“, hofft er. Auch wenn das seine Zeit brauchen wird. Es geht eben nicht immer alles balli balli.
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