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Start Presse 23.12.2006 Stuttgarter Zeitung: Feiern mit Schwiegermama, Gans und frommen Liedern
23.12.2006 Stuttgarter Zeitung: Feiern mit Schwiegermama, Gans und frommen Liedern Drucken E-Mail

Multikulti und Tradition gehen prima zusammen: Stuttgarter anderer Kulturen halten die deutsche Weihnacht in Ehren

 

Wer geglaubt hat, Muslime, Buddhisten und Juden drehen am Wochenende in Stuttgart gelangweilt Däumchen, der täuscht sich. Ganz Stuttgart feiert Weihnachten, meint Daniela Eberhardt.

 

So also ist es, wenn sämtliche vorgefasste Meinungen sich in nichts auflösen: „Natürlich feiern wir Weihnachten, wir leben ja schließlich in Deutschland“, sagt Fanny Tran-Nong. Ihr kleines Lokal Noodle Eins am Wilhelmsplatz bleibt an Heiligabend und am ersten Feiertag geschlossen. Frau Tran-Nong, die als Chinavietnamesin in der Chinatown von Saigon aufgewachsen ist, hält es wie die meisten ihrer deutschen Nachbarn: „Morgen essen wir alle zusammen mit der Familie.“ Nur die Gans hat frei. „Wenn Geflügel, dann gibt’s bei uns Ente.“ Und es wird auch beschert: Mutter, Oma, Neffen und Nichten dürfen sich freuen. Früher stand dazu standesgemäß der Christbaum im Zimmer, der ist aber abgeschafft worden. „So viel Arbeit, immer diese Nadeln.“ Wegen Weihnachten fällt das chinesische Neujahrsfest in Deutschland kleiner aus. Wobei Fanny Tran-Nong gleich noch ein Klischee hinwegfegt: „In Asien geht die Post ab an Weihnachten. Alle ziehen Nikolausmützen auf und singen, da ist Rambazamba.“ Früher zog sie mit ihren Freundinnen in Seoul um die Häuser, jetzt hält es Mi-Kyoung Wöhler mehr mit der deutschen Besinnlichkeit. Die Koreanerin, die den Asia Circle umtreibt, ist vor fast 20 Jahren der Liebe wegen nach Gerlingen gezogen. Und seitdem gibt’s an Weihnachten die Gans und die Schwiegermama. Anpassungsprobleme an christliche Bräuche kannte die Buddhistin keine, denn: „In Seoul sind alle guten Schulen private Missionarsschulen. Wir haben fleißig Gottesdienst gefeiert.“ Für die Gans zeichnet ihr Mann, der Banker Jürgen Wöhler, verantwortlich. Das Pflichtbewusstsein des ältesten Sohnes der Mutter gegenüber sei ein durch und durch asiatischer Gedanke, verrät Mi-Kyoung Wöhler. Sie versucht an Weihnachten ganz besonders, ihre innere Ruhe zu finden. Aber das sei ja wohl das oberste Ziel der Menschheit und nicht auf den Buddhismus beschränkt. Wenn sie selbige hoffentlich gefunden hat, und der telefonische Schneebericht des Schwagers aus Chamonix viel versprechend klingt, bricht die Familie übermorgen zum Skifahren auf. Direkt nach Gans und Abwasch. Weihnachten in Stuttgart ist offenbar ein Fest für alle. Auch Aishe Donné feiert ganz klassisch mit der Familie an Heiligabend. Die Türkin, die in ihrem Salon in der Nähe des Hauptbahnhofs immer wieder auch schon mal prominente Köpfe wie den von Rezzo Schlauch schert, bekommt Besuch von ihren Neffen und Nichten aus Bielefeld. „Wir haben einen Christbaum mit Geschenken drunter. Ich liebe Weihnachtsschmuck! Auch die Kinder finden Bescherung wunderschön, denn das kennen sie so nicht.“ Die Muslimin weiß noch zu gut, wie sich das anfühlt: „Alle haben in der Schule von Weihnachten erzählt, und ich konnte nicht mitreden.“ Ihre 15 Monate alte Tochter wird es da besser haben. Sie kann sich später übrigens auch den Glauben aussuchen, erzählt die schöne Mama. Der Papa der Kleinen ist Deutscher. Er ist Jude, was ihn nicht davon abhält, in Stuttgart den Kardinal Richelieu im Musical „3 Musketiere“ zu spielen und in diesen Tagen eifrig Händels „Messias“ und Irving Berlins „White Christmas“ zu hören. Ethan Freeman, der aus New York kommt, hat zu Weihnachten zwar keinen religiösen Bezug, aber genießen darf man ja wohl trotzdem. „Für mich ist es eher ein Fest des Zusammenseins in der kalten Winterzeit. Es ist besonders geprägt von der Musik, die auch oft im Stande ist, Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Nationalitäten zu verbinden.“ Das hat er schön gesagt. Da es die Spielpläne nicht anders erlauben, feiert Ethan Freeman allein mit seiner Frau „in einem sehr schönen türkischen Lokal in München“. Tichina Vaughn bleibt im Ländle. Die Sängerin aus Baltimore hat zwar vor Kurzem dem Ensemble der Staatsoper Adieu gesagt, sie lebt mit ihrer Familie aber weiter in Stuttgart. Der amerikanische Santa Claus kommt erst morgen um Mitternacht mit den Geschenken für die beiden Kinder durch den Kamin geschlittert. Übermorgen schauen Freunde auf das ein oder andere Glas Wein vorbei, und es gibt Truthahn. „Und so was Ähnliches wie Spätzle“, erklärt Tichina Vaughn. Damit meint sie den amerikanischen „Diätklassiker“ Maccaroni mit Käse.

 

Daniela Eberhardt erreichen Sie per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

 

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