| 18.09.2010: Unendliche Weiten - Redaktion Scenario - Recklinghäuser Zeitung |
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Nein, es geht nicht um eine bekannte Science-Fiction-Serie! Leonie (17) war in der Mongolei / Neben der fantastischen Landschaft ist vor allem die Gastfreundschaft hängen geblieben
VON LEONIE (17, RECKLINGHAUSEN) Ratet mal, wo ich diese Sommerferien war. Nein, wirklich, ratet mal. Gut, jetzt mal ganz ehrlich: Wie viele von euch haben gerade Innerlich „Mongolei" geschrien? Wahrscheinlich seid ihr in der Unterzahl. Das liegt daran, dass nur wenige Menschen als Touristen in dieses wunderschöne Land fahren. Die Mongolei, das ist ein Synonym für ganz weit weg, für ein exotisches Land, über das man gar nicht so wirklich Bescheid weiß. Fühlt euch nicht schlecht, vor April ging es mir auch nicht anders. Da assoziierte ich, wie wahrscheinlich die meisten anderen auch, mit der Mongolei nur Dschingis Khan, Nomaden und Rückständigkeit. Das war bevor ich im Internet den Asia Circle entdeckte, eine Non-Profit Organisation, die ihre Aufgabe unter anderem darin sieht, Jugendlichen die asiatischen Kulturen näher zu bringen. Aus diesem Grund organisiert der Asia Circle jedes Jahr eine Jugendbotschafterreise nach Südkorea, und seit diesem Jahr, auch in die Mongolei. Aber was genau habe ich denn jetzt da gemacht? Nun, ziemlich viel. Ich bin auf einem Pferd durch die weite Steppe geprescht, mit der Transmongolischen Eisenbahn gefahren, habe Scheine im Wert von 170000 (Tögrög) in der Hand gehalten, Süüteltsei (Gesalzener Milchtee... mhm... viel besser als Airag, gegorene Stutenmilch) getrunken, habe mich mit dein Ex-Ministerpräsidenten Amarjargal über Fußball unterhalten und auf dem Land Kühe gemolken und in einer Jurte geschlafen.
Angefangen hat alles in Ulaanbataar Aber fangen wir mal von vorne an. Angefangen hat das Ganze für Veronika, die andere Jugendbotschafterin, und mich in Ulaanbaatar, der Hauptstadt, wo wir bei einer Gastfamilie, deren Mitglieder übrigens alle - nach Studienjahren der Eltern in der ehemaligen DDR - perfekt Deutsch sprachen (was sehr praktisch war, denn ich spreche leider kein Mongolisch!) untergebracht waren, und die Stadt erkundeten, besuchten das Gandan-Kloster, das größte und wichtigste Kloster der Mongolei, das sowjetische Ehrendenkmal für die gefallenen Soldaten, das den früheren Einfluss der Sowjetunion auf die Mongolei zeigt, den Suukhbaatar-Platz, der das Zentrum der Stadt markiert, und das Nationalmuseum. Bei Letzterem machte sich dann unser Jettag bemerkbar, denn die Mongolei ist zeitlich sechs Stunden im Vorsprung gegenüber Deutschland. Zurück bei der Gastfamilie gab es Abendessen. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich mich hiervor am Meisten gefürchtet hatte. Ich habe nämlich ein kleines, oder eher ein bisschen größeres Problem mit Fleisch. Um es anders auszudrücken: Ich bin einge-schworene Vegetarierin. Und in der Mongolei isst man zum großen Teil - genau: Fleisch. Aber ich hatte Glück. Meine Gastoma und die kleine Tochter unserer mongolischen Begleiterin waren beide Vegetarierinnen. So konnte ich guten Gewissens die köstlichen Huushur, gebratene Teigtaschen, verschlingen. Unsere Reise führte uns dann mit der Transmongolischen Eisenbahn in die Weiten der mongolischen Steppe. Im Nomadencamp lernten wir den Alltag der Landbewohner kennen. Der spielt sich zum größten Teil hoch zu Ross ab. Ich habe zwar früher voltigiert, aber mit dem Reiten habe ich doch eher schlechte Erfahrungen gemacht. Ich war also bis dato niemand, der dem Sprichwort: „auf dem Rücken der Pferde liegt das Glück der Erde" in unbedingt zugestimmt hätte. Aber kaum saß ich fünf Minuten oben und trabte durch einen Fluss dem Sonnenuntergang entgegen, da waten alle meine Vorbehalte vergessen. Reiten ist wundeschön. Zumindest in der Mongolei. Man reitet einfach durch die Steppe, durch Felder und Flüsse und über Hügel und nichts und niemand hält einen auf. Man ist einfach vollkommen frei. Nicht ganz so gut wie das Reiten glückte mir das Melken der Kühe, Ich bin dafür ehrlich gesagt vollkommen untalentiert (vielleicht auch einfach durch und durch ein Ruhrpottkind?). Nachts schliefen wir in einer Jurte, die Veronika und ich uns mit einem Haufen Käfer, Spinnen und Fröschen teilten. Das war gar nicht einmal so ein großes Problem für uns, denn die Viecher waren sehr nett. Aber als verwöhnte Europäerinnen fanden wir die gesamte Toiletten- und Hygienesituation viel schlimmer. Mit den Worten „Hier ist ja genug Platz" wurde uns nämlich einfach eine Toilettenrolle in die Hand gedrückt. Wir sahen uns zweifelnd um. Genug Platz gab es sicher, aber Bäume oder Büsche oder irgendetwas anderes über zehn cm Höhe um sich dahinter zu verstecken gab es nicht. Auch duschen konnten wir nicht, aber dieses Problem lösten wir ganz einfach: wir gingen im Fluss baden. Wir waren ehrlich gesagt ziemlich traurig, als wir das Camp wieder verlassen mussten, denn die Leute waren echt supernett und extrem gastfreundlich. Aber auch auf unseren nächsten Programmpunkt freuten wir uns sehr: Uns mit dem Generalsekretär der demokratischen Partei sowie anderen hochkarätigen Parteimitgliedern, sowie mit dem Ex-Ministerpräsidenten Amarjargal treffen. Wir schrieben also eifrig eine Liste mit Fragen, mit denen wir die Politiker löchern wollten. Ziemlich nervös stapften wir in feine Klamotten gezwängt am nächsten Morgen in das Parteigebäude. Aber schon nach ein paar Minuten war die Nervosität komplett verflogen und wir fragten munter drauf los. Unsere Themen waren sehr vielfältig, wir sprachen zum Beispiel über die Bildungssituation, wirtschaftliche Entwicklung und die Situation der Nomaden, die immerhin einen gar nicht so kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen und die Politiker nahmen sich viel Zeit dafür, unsere Fragen zu beantworten.
Der heiligste Ort der Mongolei Das Gespräch mit Herrn Amarjargal, welches wir im Anschluss führten, verlief sogar in einer noch viel lockereren Atmosphäre. Wir unterhielten uns mit ihm hauptsächlich über Fußball, und er erzählte uns einige Anekdoten aus seinem politischen Leben. Danach bekamen wir noch eine Führung durch das Parlament und durften sogar den heiligsten Ort der Mongolei, den Standartensaal, betreten. Wir durften sogar Fotos machen! Froh, aus den feinen Klamotten wieder herauszukommen stiegen wir schließlich ins Auto und fuhren weiter, zum Kinderferiendorf „Nairamdal", was auf Mongolisch Freundschaft bedeutet. Hier trafen wir Jugendliche in unserem Alter, die von der Hektik Ulaanbaatars hier Urlaub machen. Spätestens an dieser Stelle wäre es an der Zeit, jegliche Vorurteile gegenüber der Mongolei über Bord zu werfen, denn die jugendlichen waren wirklich genau so wie wir. Sie hörten die gleiche Musik, besaßen die gleichen Handys, trugen dieselben Klamotten und waren auch im Umgang miteinander so, wie wir es sind (zumindest soweit Veronika und ich das so ganz ohne mongolische Sprachkenntnisse sagen konnten). Abends konnten wir dann bei der Disko ordentlich abtanzen und hatten viel Spaß. Tja, und dann war auch schon der letzte Tag da. Dieser führte uns in ein mongolisches Einkaufszentrum zum Souvenirshopping und Einkaufen für den Flug. Im Supermarkt mussten wir zu unserer großen Verwunderung feststellen, dass über die Hälfte aller Produkte ausländisch waten, darunter auch ein sehr großer deutscher Teil. Wirklich, man hätte Problemlos einen Großeinkauf nur mit deutschen Produkten machen können, vom Käse bis zu den Cornflakes. Aber da wir das ja alles auch zu Hause haben, nahmen wir nur eine Packung Nimm 2 mit und dazu noch die typisch mongolischen Souvenirs: Kaschmirschal für Mutti, Filzpantoffeln für Papa und ein Stofffedermäppchen für die kleine Schwester. Bei der Gastfamilie gab es noch einmal leckere mongolische Teigtaschen, dieses Mal allerdings gedünstete. Und dann hieß es auch schon Abschied nehmen, von den Leuten, der Stadt und diesem wunderbaren Land. Ich habe nicht nur mitgenommen, dass die Phrase „Bi makh id deggui" (Ich esse kein Fleisch) einem Vegetarier in der Mongolei wirklich das Leben rettet, sondern auch viel über die Kultur, Politik und Geschichte des Landes erfahren, bin mit Menschen vieler verschiedener sozialer Gruppen ins Gespräch gekommen und habe die zwei Seiten des Landes besser kennen gelernt: die weite, wunderschöne unberührte mongolische Steppe mit den Nomaden, die ihre Freiheit über alles lieben und sich ein Leben in der Stadt gar nicht vorstellen können, und die wuselige, chaotische Hauptstadt, ein Zeichen für den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes. Jetzt bin ich schon eifrig dabei mein Taschengeld aufzubessern. Wenn ich Glück habe, dann reicht es für einen Flug zurück, in das Land Dschingis Khans im nächsten Sommer. Bayartay!
Original Artikel als PDF (ca. 300 kB) erschienen am 18.09.2010 in der Recklinghäuser Zeitung.
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